Psychoaktive Massage

Körperarbeit. ( Psychoaktive Massagen )

Warum beschäftigt sich ein Pharmakologe mit Körpertherapie ?- werde ich öfters gefragt. Einer der Teilnehmer eines Seminars über “Heilsame Berührung” (s.u.) war ebenfalls Pharmakologe; er war aus seiner Arbeit bei einer in Süddeutschland ansässigen Pharma-Firma ausgestiegen und hatte eine Weiterbildung in Psychiatrie und Psychosomatik begonnen. Ich sehe mich nicht als Aussteiger, wenn ich mich zunehmend mit Körpertherapie und ihren psychischen Effekten beschäftige. ( Das tun übrigens heutzutage auch Onkologen, wenn sie therapeutische Berührung gegen das chronische Müdigkeitssyndrom von Tumor-Patienten einsetzen, wie es schon in mehreren Kliniken, so auch hier in Berlin geschieht ...)

Ich hatte in persönlich etwas komplexen Zeiten an mir selbst die für mich damals erstaunliche Wirkung von Shiatsu, Kalifornischer Massage und anderer körper-fokussierter Techniken erfahren dürfen. Ich lernte Menschen kennen, die sich ernsthaft und engagiert diesen ”alternativen”  Heil-und Präventionsmethoden widmeten. Ich ging in der Selbsterfahrung über die Grenzen meiner bisherigen privaten und beruflichen Lebenswelt weit hinaus, begann mit mir selbst zu experimentieren und machte für mich überraschende Entdeckungen. Es war kein Zufall, dass ich in dieser Zeit auch  auf dem Hintergrund meines zunehmenden Interesses für die Geist-Seele-Körper-Interaktion auf das Phänomen der griechisch-bulgarischen Feuerläufer stieß, denen wir zusammen mit einem griechischen Gastarzt und einem  Kollegen des Instituts für Neuropsychopharmakologie (Dr.Gerd Schulze) bei zwei Aufenthalten in einem kleinen Dorf nahe Thessaloniki versuchten, wissenschaftlich auf die Spur zu kommen, bis schließlich all unser dort belassenes Gerät durch ein schweres Erdbeben zerstört wurde.  

Wie kam ich dazu, die Wirkung körpertherapeutischer Verfahren bei depressiven Patienten zu untersuchen? Zum einen war mir in meiner jahrzehntelangen psychiatrischen und psychopharmakologischen  Betreuung ambulanter depressiver bzw. bipolarer Patienten die begrenzte Wirksamkeit unseres medikamentösen und psychotherapeutischen Instrumentariums  zunehmend deutlicher geworden. Zum anderen hatten wir seitens der AkdÄ„ eine Arbeit publiziert (466) , die sich kritisch mit den €žbesonderen Therapierichtungen€ž auseinandersetzte und die Forderung erhob, dass derartige Methoden wissenschaftlich untersucht werden müssten, andernfalls sie eben Glaubensmedizin auf Krankenschein blieben.(s. Abschnitt AkdÄ) So habe ich mir in enger Zusammenarbeit mit einer wissenschaftlich interessierten Masseurin und Tänzerin, Claudia Berg, nach vielen Vorversuchen, das Ziel gesetzt, die antidepressive Wirksamkeit einer strukturierten, samften aber psychophysich tiefgehenden Massageform in einer aufwendigen kontrollierten Studie an stationären depressiven Patienten und gesunden Versuchspersonen wissenschaftlich sauber zu untersuchen. (572; 586) . Die Hauptergebnisse überraschten mich selbst und wurden 2004 publiziert (592). Sie fanden schnell v.a. in physiotherapeutischen Kreisen starke Resonanz.

Sehr bald interessierte sich der Verband für Physikalische Therapie (VPT) für unsere Ergebnisse (599) und nahm die  Slow Stroke® Massage in sein Programm zertifizierter Fortbildungsangebote für Masseure/Physiotherapeuten auf. ( vgl. www.slowstrokemassage.de). Der irritierende, ja eigentlich skandalöse Zustand, dass im Heilmittelkatalog sich kein einziges Verfahren der physikalischen Therapie findet, das für psychiatrische Störungen als erstattungsfähige Leistung im Rahmen der GKV anerkannt wird,veranlasste den VPT unter seinem damaligen Vorsitzenden Bruno Blum auf der Basis umfangreicher Gutachten (das Gutachten ist hier abrufbar)   einen entsprechenden Antrag beim Gemeinsamen Bundesausschuss einzubringen - leider erfolglos . 

In einer Berliner nervenärztlichen Praxis behandelte derweil Frau Berg zahlreiche Patienten/Patientinnen mit verschiedenen Diagnosen mit unserer Massagetechnik, meist in  Serien von 8-10 konsekutiven Anwendungen im Abstand von ca.  3-7 Tagen.Die Ergebnisse wurde alle dokumentiert und finden sich teilweise in einem einschlägigen Kapitel eines neuen Lehrbuchs der Massagetherapie. ( 666; vgl. auch 619; 620 )

Dem Thema Depression und Berührung näherten wir uns in verschiedenen Medien : Es entstand ein Film, in dem Caroline Peters eine depressive Patientin spielte und  Claudia Berg eine ausführliche Demonstration einer Slow Stroke Massage gab. Der Film wurde auf verschiedenen psychiatrischen Kongressen gezeigt und  durch seinen Sponsor  an ca. 800 praktizierende Nervenärzte verteilt. Zum anderen produzierten wir mit Frau Berg ein  Tanzstück Zwischen-T-Raumâ mit Videoinstallationen und einem Text, den ich aus einer Spiegelmaske heraus sprach. (539). Die Produktion wurde bei mehreren Gelegenheiten und in verschiedenen psychiatrischen Kliniken unter großer Anteilnahme der Zuschauer gezeigt. Der Psychiater und Philosoph Prof. Dr. Hinderk Emrich interpretierte ihre Aussagen und unser Konzept  auf dem Hintergrund der Transzendentalphilosophie von Fichte .

In der Zwischenzeit differenzierten sich meine theoretischen Ansätze zur Interpretation des antidepressiven Effekts  therapeutischer Berührung auf verschiedenen Erklärungsebenen. (624665 ) .

Gemeinsam mit der Physiotherapeutin Sabine Baumgart, die auch dem VPT-Vorstand angehörte sowie dem Statistiker CFG Schendera veröffentlichten wir 2011 das Ergebnis einer systematischen Literaturübersicht, aus dem sich vielfältige, aber eindeutige Evidenz für einen antidepressiven und anxiolytischen Effekt verschiedener Arten von Massagetherapie ergab (640; Das Review ist hier abrufbar). Wesentliches Problem beim Vergleich der internationalen Studien ist weiterhin die Heterogenität der Studienansätze sowie mangelnde Exaktheit bei der Beschreibung der Wirkparameter jeweils angewandter Massagemethoden.

Inzwischen wird jedoch erfreulicherweise  in Bachelor/Master-Arbeiten sowie Dissertationen verstärkt versucht, vergleichend die Wirksamkeit spezifischer Massageformen, die Bedeutung der Therapeutenkonstanz, der Massagedauer etc. genauer zu analysieren. Hinzuweisen ist in diesem Kontext auch auf die wichtige Arbeit des Touch Research Institute in Miami und die Publikationen von Tiffany Field. Auch psychische Wirkungen des “therapeutic touch” sowie von Tantra Massagen, sind neue Interessen und Forschungsfelder.

In verschiedenen Arbeitsgruppen und Praxen wurden weitere psychoaktive, ganzheitliche Massageformen entwickelt, deren Effekte teilweise auch sorgfältig dokumentiert werden , so z.B. die von Mariell Kiebgis über viele Jahre in Berlin und am Bodensee entwickelte und von ihr gelehrte Vasana-Massage (www.vasana.de) oder die Touch Life Massage von S. von Kalckreuth. ( vgl. die entsprechenden websites ) . In meinem Heimatort Kressbronn ( s. Biografie) führe ich zusammen mit M. Kiebgis  Seminare für Laien  zum Thema €žHeilsame Berührung durch, die auch in dieser ländlichen Region auf großes Interesse treffen. Auch professionelle Kräfte interessieren sich zunehmend für die praktischen und wissenschaftlichen Aspekte verschiedener Körpertherapien, die von Mariell Kiebgis entwickelt und unterrichtet werden.

Filmbeispiele bitte folgen Sie den angegebenen Links.
Der oben erwähnte Film “Depression und Berührung” ist in Auszügen als in diese Seite eingefügt ebenso ein Auszug aus dem Film des WDR (Quarks & Co) “
Bitte anfasssen”, ferner auch ein Beispiel der Vasana Massage. Im übrigen vgl. den Abschnitt €žVorträge)
 

2016-05-23 (2)
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(Copyright Claudia Berg))

“Zwischen- T-Raum”
(Claudia Berg  & Bruno Müller- Oerlinghausen, 2000)

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Andrea Scholz

Andrea Scholz

BMOe und Mariell

Seminarbesprechung mit Mariell Kiebgis

Studenten Körpertherapie

Diskussion einer neuen Massagestudie mit Studierenden der Massageschule in Stuttgart Fellbach 2013